Durch die letzte Wildnis Europas: Eindrücke von einer Durchquerung des Sarek Nationalparks (1)
Durch die letzte Wildnis Europas: Eindrücke von einer Durchquerung des Sarek Nationalparks (1)
Wo findet man in Europa eine Naturlandschaft, die ihre Ursprünglichkeit weitgehend bewahrt hat, und zugleich genügend Raum für einen zweiwöchigen Aktivurlaub bietet? Bei meinen Planungen wurde mir schnell klar, dass ich mit diesen Ansprüchen nur sehr weit im Norden fündig werden würde. Als Mythos für puristische Naturliebhaber war mir der Sarek bereits vor einigen Jahren bekannt geworden, als ich eine Woche auf dem nördlichsten Abschnitt des Kungsledens bis zum Kebnekaise von Hütte zu Hütte wanderte. Bei der genaueren Planung wurde mir aber schnell deutlich, dass die Ansprüche dieser „letzten Wildnis“ andere waren, als sie eine Wanderung auf befestigten Wegen mit Hüttenunterkünften darstellt. Nicht nur eine komplette Campingausrüstung war mitzunehmen, sondern auch Nahrungsmittel und Brennstoff für etwa zwei Wochen. Dazu kam meine (abgespeckte) Fotoausrüstung, die es inklusive Stativ auf leider immer noch sieben Kilo brachte.
Fest stand auch schnell, dass wir - mein Bruder begleitete mich - uns nicht mit der Standard-Tour von Ritsem nach Aktse (auch Sarek-Autobahn genannt) begnügen wollten, da wir so nur den nördlichsten Teil dieses grandiosen Gebirgsmassivs entlang von Ruohtesvágge und Rappadal zu Gesicht bekommen würden. Die Herausforderung sollte für uns vielmehr darin bestehen, an der Mikkastuga nach Westen ins Guohper- und Alggávágge abzubiegen und dann Richtung Süden den zentralen Sarek durchquerend ins Rentiertal (Sarvesvágge) zu gelangen. Dort müsste man dann durch eins der südlichen Seitentäler in die Gådokhochebene hinaufsteigen, hätte einen Blick aufs westliche gelegene Pårtemassiv, könnte einen Abstecher zum flachen Gipfel des Vájggántjåhkkå machen, um von dort aus wenigstens ein Mal ins Rappadal blicken zu können - und würde dann durch die Påreksümpfe und die wildreiche Gegend um den See Stuor Dáhtá nach knapp zwei Wochen Kvikkjokk erreichen. Das wäre eine Durchquerung, die ihren Namen verdiente, das war unser Plan.
Nach der Flug-Anreise über Stockholm und Gällivare bringt uns der lokale Bus in knapp drei Stunden nach Ritsem, dem letzten Außenposten der schwedischen Zivilisation nordwestlich vom Sarek, versehen mit einem Anleger für die Bootsfahrt über den Stausee Stora Sjöfallet. Als wir im frühen Nachmittag dort ankommen, spiegelt sich die Kulisse des Akka-Massivs am gegenüberliegenden Ufer verführerisch im glasklaren Wasser; eine Verheißung von unberührter Natur, Wildnis und der Freiheit, die wir Zivilisationsflüchtlinge suchen. Verheißungsvoll scheint auch das Wetter: einzelne Kumuluswolken am blauen Himmel bei Windstille. Da wir gestern bei kühlen 12 Grad und Dauerregen in Gällivare landeten, sind wir einigermaßen überrascht und spontan optimistisch. Dass dieses Wetter die gesamte nächste Woche anhalten würde, wagen wir aber in unseren kühnsten Träumen nicht zu hoffen; schließlich ist uns bewusst, dass im nur durch einen schmalen Gebirgssaum vom offenen Atlantik getrennten Sarek an zwei von drei Tagen im Jahr Regen oder Schnee fällt - und zwar soviel wie nirgends sonst in Schweden.
Wie feindlich die Kräfte der Natur auch bei Bilderbuchwetter wirken können, wird uns schlagartig bewusst, als wir die Akkastugor hinter uns gelassen haben und dann die buchstäblich letzte Brücke zur Zivilisation überqueren; eine Hängekonstruktion über den Vuojatädno, der mit schäumendem Getöse die Schmelzwasser aus dem Padjelanta in den nördlich gelegenen Stausee entwässert. Was hier noch trockenen Fußes möglich ist, wird uns in den kommenden zehn Tagen noch manche Probleme bereiten: die Durchquerung von Wasserläufen, deren Geräusch zum ständigen Begleiter jeder sommerlichen Sarektour gehört und deren Wucht über die Gangbarkeit jeder Route entscheidet, zumal wenn man sich wie wir nicht geradlinig, sondern im Zickzackkurs durch das Gebirge bewegen will. Wir folgen dem Fluss noch eine Strecke am östlichen Ufer auf dem Padjelantaled, campen an einem „magic place“ mit Blick auf die tief herunter verschneiten Berge Norwegens und erklimmen am nächsten Tag den nach Osten hin sanft ansteigenden Sjnjuvtjudis.
Von hier aus öffnet sich ein weites Panorama in den Sarek hinein. Das Tagesziel haben wir den gesamten Wandertag über vor Augen, den Fuß des Nijaks, den höchsten einzeln stehenden Berg des gesamten Sareks, den wir morgen besteigen wollen. Nach Norden fällt sein Massiv steil ab, aber vom Süden her sollte man den Gipfel über eine mähliche Steigung gut erreichen können. Bis dahin ist es aber noch ein weiter Weg. Die Haupthindernisse sind zwei Flüsse, die wir durchwaten müssen. Die erste Watstelle am Rákkasjåhkkå zeigt mir die Grenzen meines Watequipments; ich habe geglaubt, die Regenhose mit Einweckgummis um die Schäfte der Wanderschuhe schnüren zu können und so eine wasserdichte Einheit aus Schuh und Hose zu schaffen; ein Irrtum, denn an der Zunge und den Schnürzügen läuft jede Menge Wasser rein. Für die Zukunft heißt das für mich, mit den Ersatzsocken zu waten (auf Sandalen habe ich aus Gewichtsgründen verzichtet). Die Querung des weit verzweigten Suottasjjåhkå ist dann am Abend eine echte Herausforderung, denn der Fluss führt jetzt seinen höchsten Pegel; wir queren ihn etappenweise von Insel zu Insel stromauf und erreichen nach einer Tagestour von zwölfeinhalb Stunden die südliche Flanke des Nijak.
Gemessen an alpinen Maßstäben ist eine Nijak-Besteigung sicherlich wenig anspruchsvoll; als „leicht“ (Grundsten und Drexhage/Hell) werden wir den Berg aber dennoch nicht in Erinnerung behalten, die Blöcke im unteren Bereich und das weite Schneefeld im Gipfelareal (in dem wir öfters bis zur Hüfte einbrechen) machen uns einigermaßen zu schaffen. Die Schuhe werden dabei völlig nass; auch Gamaschen, die wir gleichfalls dem Gewichtsdenken geopfert haben, wären nicht schlecht gewesen. Das alles gerät aber in den Hintergrund, als wir bei nahezu wolkenfreiem Himmel auf dem Scheitelpunkt der runden Schneekuppe ankommen und einen Blick genießen, der auch weniger Naturbegeisterte zum Staunen gebracht hätte: vom Akka-Massiv (2015m) im Westen, Stortoppen (2089m) im Osten bis zum Kebnekaise (2104m) im Norden überblicken wir im Radius von 60 km so ziemlich die gesamte Hochgebirgswelt nördlich des Polarkreises, ein Anblick, der uns Staunen, Glück und Demut lehrt. Ich baue meine Fotokonstruktion auf und lichte mit 24 Bildern das spektakulärste 360° Panorama ab, das ich jemals erstellt habe (und das möglicherweise von diesem Punkt aus jemals erstellt wurde). Der Ausschnitt unten zeigt die Akka, die wir in den letzten beiden Tagen umwandert haben, ganz rechts kann man Schwedens höchsten Berg, den Kebnekaise (in dem Maßstab eher schwer) erkennen.
Nach dem Abstieg bauen wir das Zelt mit unseren am Fuß des Berges zurückgelassenen Sachen ab und nehmen die längste Talstrecke der Wanderung in Angriff, die knapp zwei Tage durchs Ruohtesvágge führt. Wir bewegen uns in Etappen von etwa 40 min Gehzeit, auf die 20 min Pause folgen. Mehr ist bei den 29 kg, die ich schleppe, nicht drin. Mein Bruder ist etwas besser dran, weil er unseren Proviant trägt, der jeden Tag anderthalb Kilo leichter wird.
Die Wanderung durchs Ruohtesvagge gestaltet sich bei stabilem Hochdruckwetter trotzdem als Genusstour. Dazu trägt auch bei, dass wir viele der von den Flanken des Sarek-Hauptmassivs und der Ruohtesgruppe zu Tal schäumenden Wasserläufe leichter überqueren können als gedacht. Wir müssen nur weit genug an den Hängen hinaufgehen und können über die noch vorhandenen Schneebrücken unseren Weg fortsetzen, ohne uns die Füße nass machen zu müssen; ein Vorteil, wenn man bereits Anfang Juli unterwegs ist. Von besonderer Art ist die Begegnung mit einer riesigen Rentierherde, die uns etliche tausend Tiere groß und begleitet von zwei Wächtern mit Funkgeräten entgegen kommt. Nach deren Auskunft gibt es allein in diesem Teil des Sareks 16 000 Rentiere, die in der kurzen Saison die Talgründe abgrasen. Ob sich eine solche extensive Nutzung mit dem Status als Nationalpark wirklich verträgt, können wir zwar nicht beurteilen, werden aber darauf gestoßen, dass selbst Europas abgelegenster Naturraum planmäßig bewirtschaftet wird.
Wir schlagen unser Zelt am höchsten Punkt des Ruohtesvágge auf, an der Wasserscheide zwischen den nach Südosten ins Rappadal und den nach Nordwesten in den Vuojatädno abfließenden Bächen. Hier queren wir auch von der nördlichen auf die südliche Flanke des Tales, an die wir uns halten müssen, weil wir am folgenden Tag im Zentrum des Sarek noch vor der Mihkástuga nach Südwesten ins Álggavágge abbiegen wollen. Die Schneeschmelze ist durch den dreitägigen Sonnenschein mittlerweile voll in Gang gekommen; erst beim Vergleich der Fotos zu Hause werde ich fest-stellen, dass der Ruohtesgletscher, besonders an der Flanke zum Gasska-tjåhkkå (Bildmitte), in anderthalb Tagen seit den Aufnahmen vom Nijak schon deutlich mehr schwarze Stellen bekommen hat. Wie weit wir bereits in die Wildnis vorgedrungen sind, können wir an einem Zweikampf über uns in den Lüften beobachten: ein viel kleinerer, aber aggressiverer Falke stößt immer wieder auf einen Steinadler herab, der offenbar in sein Revier eingedrungen ist und durch die Attacken tatsächlich auch verscheucht wird. Leider geschah das außerhalb der Reichweite meiner Fotoausrüstung.
Bei leicht bewölktem Himmel haben wir einen kurzen Blick auf die drei höchsten Gipfel des Sareks: Stortoppen, Sydtoppen und Buchttoppen, oberhalb des Mihkágletscher thronend, der wie viele Gletscher auch im Sarek bedenklich schnell schrumpft. Wir sind froh, den Nijak bestiegen zu haben, denn diese drei Gipfel (mit denen ich im Vorhinein geliebäugelt hatte) sind - wie man von hier aus sehen kann - ohne Steigeisen und Pickel nicht zu nehmen. Unterhalb des Dreigestirns liegt der zentrale Ort im Sarek: die Mihkástuga; eine (abgeschlossene) Schutzhütte mit dem einzigen Nottelefon weit und breit. Wir sind aber mittlerweile gut eingelaufen und hoffen, ohne fremde Hilfe aus diesem Abenteuer herauszukommen. Unseren Lagerplatz schlagen wir oberhalb des Guohperjåhkå und blicken mit leisem Bedauern ins östlich beginnende Rappadal, das wir bedingt durch unsere Streckenplanung leider nicht betreten werden. Unsere Tour wird uns statt dessen nach Westen ins Álggavágge führen, das links vom Guohperskájdde (am rechten Bildrand) beginnt und als das ausgeprägteste Gletschertal des Sareks gilt.
Um Zugang zum Álggavágge zu erlangen, müssen wir mehrere Hindernisse überwinden. Zunächst passen wir den verhältnismäßig niedrigen Pegelstand des Guohperjåhkå ab, und waten am nächsten Morgen ans andere Ufer. Der Unterschied zum abendlichen Hochwasser ist beträchtlich; gestern wäre der hinter unserem Zelt tosend zu Tal stürzende Fluss unpassierbar gewesen. Eine weitere Barriere bilden Rentierzäune, die am Anfang des Álggavágge quer zur Talsohle bis weit in die Höhe gezogen wurden, um die Weidegründe der Samen unter einander abzugrenzen. Als wir auch diese Hürde überwunden haben, steht uns der Weg offen. Nur wenige Kilometer später müssen wir eine wichtige Entscheidung treffen. Das Álggavágge führt ziemlich genau nach Westen; wir aber müssen nach Süden ins Sarvesvágge.
An Übergangsmöglichkeiten gäbe es einmal das Niejdariehpvágge ganz am Ende des Álggavágge, eine Wegstrecke von anderthalb Tagen. Eine kürzere Route wäre die Überquerung des Áhkagletschers; die nach Claes Grundsten am wenigsten schwierige Gletscherwanderung im Sarek. Als wir auf der Höhe des Übergangs ankommen, wird uns schnell klar, warum wir auf dieses Abenteuer verzichten sollten. Der unterhalb des mächtigen Kanalbergets gelegene Gletscher scheint zwar tatsächlich nicht sehr steil zu sein; aber er ist völlig zugeschneit - wie alle anderen die wir gesehen haben auch. Das bedeutet, dass die Spalten, von denen es im unteren nördlichen Teil und in der Passgegend etliche geben soll, unsichtbar sind. Ohne Seil wäre eine solche Gletscherwanderung hoch riskant. Wir nehmen deshalb lieber den Weg durchs Álggavágge; unsere Sicherheit ist uns bei aller Freude am Bergsteigen doch am wichtigsten. weiter
© Ulrich Krellner 2010